Riechen und Fühlen

In der Psychiatrie geht es in erster Linie um den Umgang mit den Krankheitsfolgen, um die Begleitung und Unterstützung in dem Prozess, trotz und mit einer psychischen Störung handlungsfähig und aktiv am sozialen Leben teilzuhaben. In vergleichsweise niedrigen Dosierungen sollen die ätherischen Öle die einzelnen Menschen in ihrer Entwicklung unterstützen.“ So bringt das feminine Triumvirat der Autorinnen des hier besprochenen Buches sein berufliches „Herzensanliegen“ auf den Punkt.
Für die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse und die praxisorientierte Darstellung fanden sich mit Eva Heuberger, Iris Stappen und Regula Rudolf von Rohr 3 international anerkannte Expertinnen, die sich von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Praxis im universitären Bereich beweg(t)en. Diese Zusammenarbeit führte nicht nur zu einer fachkundigen Erklärung vieler bemerkenswerter Studienergebnisse mit überraschenden Schlussfolgerungen, sondern auch zu einer klaren Verständlichkeit für alle LeserInnen mit Interesse an der Vielfalt der Natur und ihren Einflüssen auf den Menschen. Dieses Buch richtet sich vor allem an Menschen, die in pflegenden Berufen arbeiten, an ÄrztInnen, ApothekerInnen sowie HeilpraktikerInnen, die sich für aromatherapeutische Anwendungen in der Psychiatrie interessieren.
Im Aufbau der Themen greift ein Zahnrädchen in das andere, sodass Schritt um Schritt ein oft erstaunlicher Wissenszuwachs anhand zahlreicher „Aha-Erlebnisse“ erfolgt. Sogar gegensätzliche Studienresultate werden hinsichtlich ihrer Evidenz an der richtigen Stelle des Mosaiks mit dem Motto „Riechstoffe beeinflussen Gefühle“ angeordnet. Regula Rudolf von Rohr stellt mit ihrem „Basler Modell“ ein praxiserprobtes Behandlungskonzept vor, das große Lust auf sofortigen praktischen Einsatz macht. Deshalb enthält dieses Buch eine konkrete Arbeitsanleitung für die Anwendung standardisierter oder individuell zusammenstellbarer Duftkombinationen. Mit dem wohldurchdachten „roten Faden“, der sich von dem Kapitel „Was die Nase alles kann“ über „Der Zusammenhang zwischen Riechen und Fühlen“ mit Schwerpunkt Ängste und Depressionen bis zu „Dufte Wirkungen“ zieht, nimmt uns das Autorenteam auf eine Reise in unsere eigene Gefühlswelt mit. Dabei lernen wir, uns auch selbst besser zu verstehen.
Vergleichbar den Alarmpheromonen, die bei Insekten und Nagetieren nachgewiesen sind, erkennen Menschen angstvermittelnde Chemosignalstoffe. Dabei kann bei den Achselgerüchen zwischen Angst- und Aggressionsschweiß unterschieden werden. Anders als bei den Tieren verursachen solche Chemosignalstoffe bei Menschen keine spontane angstspezifische Reaktion, scheinen aber unser aktuelles Verhalten zu beeinflussen.
Im Abschnitt „Emotionen, Gefühle, Stimmungen und die Macht der Gerüche“ wird der Eigenschaft von Düften nachgegangen, autobiografische Erinnerungen abzurufen. Dieses „Proust-Phänomen“ führt dazu, dass selbst alte, verschollen geglaubte Erinnerungen lebhaft und detailreich ins Gedächtnis zurückgerufen werden. Diese Macht der Düfte liegt vermutlich in der Physiologie des Gehirns, weil Gerüche und Emotionen, also Gefühle, Affekte und Stimmungen, von Hirnstrukturen verarbeitet und kontrolliert werden, die dem limbischen System zugeordnet sind. Unser weitreichendes emotionales Netzwerk erstreckt sich über das limbische System bis in den Neokortex. Die Autorinnen erzählen uns kurzweilig von den Emotionszentren, zum Beispiel den „furchtsamen Mandelkernen“, dem „erfahrenen Hippocampus“, „Wachsamkeit und Mitgefühl im vorderen Cingulum“, dem „Problemlöser Stirnhirn“, einer „Insel des guten Geschmacks“ und vom „Wächter des inneren Gleichgewichts“.
Die aromatherapeutischen bzw. aromachologischen Effekte der Duftstoffe werden nach den 4 potenziellen Mechanismen nach J. Stephan Jellinek (1997) diskutiert, nämlich nach dem quasi-pharmakologischen, dem semantischen, dem hedonischen und dem psychosomatischen Mechanismus. An diesem Thema zeigt sich beispielhaft die ganzheitliche Denkweise der Autorinnen, die neben den Eigenschaften der Riechstoffe und der Art und Dauer der Anwendung auch situative, personenbezogene und Persönlichkeitsfaktoren berücksichtigen. Darüber hinaus wagen sich die Autorinnen an die Frage, ob chemische Botenstoffe als Partnervermittler agieren können. Dabei spielt das Profil der Gene des sogenannten Haupthistokompatibilitätskomplexes (MHC) eine große Rolle, weil dieses für den persönlichen Körpergeruch ausschlaggebend ist. Frauen bevorzugen den Körperduft von Männern, deren MHC-Gene sich mittelstark bis stark – aber nicht zu stark – von ihren eigenen unterscheiden. Ein größerer immunologischer Unterschied soll Vorteile in der Evolution mit sich bringen. Die Redewendung „Liebe auf den ersten Blick“ müsste demnach um „Liebe geht durch die Nase“ ergänzt werden.
Über die Wirkfaktoren der Aromatherapie in der Psychiatrie ziehen Heuberger, Stappen und Rudolf von Rohr, die auch die Grenzen dieser Methode kennen und immer wieder ansprechen, ihr persönliches und durch wissenschaftliche klinische Evidenz untermauertes Fazit: „Die wesentlichen Wirkfaktoren sind die Selbstwirksamkeit und das Selbstmanagement im Zusammenhang mit den psycho-physiologischen Effekten der ätherischen Öle. Die Aromatherapie arbeitet damit an den Grundlagen für selbstkompetentes, gesundheitsorientiertes Verhalten mit dem Ziel, den eigenverantwortlichen Handlungsspielraum des einzelnen Menschen zu erweitern und zu stärken.“ Diesen erweiterten Handlungsspielraum kann man persönlich nutzen, denn (fast) jeder von uns hat sich irgendwann schon einmal seinen eigenen traurigen Stimmungen und Ängsten stellen müssen. Dr. med. Wolfgang Steflitsch, Wien

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages S. Karger AG. Originalveröffentlichung: Steflitsch W. Riechstoffe beeinflussen Gefühle – von Alarmpheromonen, dem Proust-Phänomen, Emotionszentren und anderen «Aha-Erlebnissen». Complement Med Res 2017; 24: 394–395 (DOI: 10.1159/000485230)