Das Maiglöckchen-Phänomen

Ein bemerkenswerter Coup ist dem international bekannten und vielfach ausgezeichneten deutschen Geruchsforscher Hanns Hatt gemeinsam mit seiner Koautorin, der Wissenschaftsjournalistin Regine Dee, gelungen.
Der nun bei Piper vorliegende Band bietet uns auf 320 Seiten weit mehr als eine ausschließliche Wissenschaftslektüre, die Studien einer Perlenschnur ähnlich aneinanderreiht. Als Aromakundige, die wir uns beruflich mit den facettenreichen Mechanismen der Geruchswahrnehmung und der Wirkung von natürlichen Aromen unterschiedlichster Provenienz befassen, ist uns zwar manche Untersuchung zumindest im Ansatz bekannt. Was das vorliegende
Buch jedoch so exzellent und außergewöhnlich macht, ist die fundiert recherchierte und damit äußerst spannende Verknüpfung der Zusammenhänge. Was wir immer ahnten, wird nun in puncto Riechen wissenschaftlich untermauert: Das Ganze ist immer mehr als die Summe der einzelnen Teile.
Genau genommen greifen Duftstoffe schon in unser Leben ein, bevor dieses überhaupt beginnt. Gemeinsam mit seinem Team an der Ruhr-Universität Bochum entdeckte Hatt, dass es der Maiglöckchenduft ist, der die Spermien zur Eizelle lockt und damit für die Entstehung des Lebens verantwortlich ist. Somit kann das Riechen mit Fug und Recht als unser Ur-Sinn bezeichnet werden. Hanns Hatt konnte beweisen, dass nicht nur die Nase riechen
kann, sondern auch unsere Haut und andere Organe. Somit ist der olfaktorische Sinn weit komplexer, als auf den ersten Blick vermutet. Hatt und Dee beweisen einen guten Riecher, wenn sie die Bedeutsamkeit von Aromen und die Faszination von Riech-Erlebnissen spannend beschreiben und dabei geschlechtsspezifische, nationale und kulturelle Befindlichkeiten berücksichtigen. Anhand neuester Erkenntnisse aus der Duftforschung gelingt zusätzlich eine beeindruckende Affinität zu aktuellen Marketing-Strategien im Bereich des „Multi-Sensory-Branding“. Es werden nicht nur die vielfältigen
Einsatzmöglichkeiten von Duft-Marketing-Maßnahmen dargestellt, sondern auch die oftmals bedenklichen Auswüchse hinsichtlich zweifelhafter Essenzen und Überdosierungen.
Die in den Medien und auch vonseiten des Bundesumweltamts und Interessensverbänden proklamierte Panikhaltung zum Thema „Duftattacke auf den hilflosen Verbraucher“ wird dabei wissenschaftlich fundiert ins rechte Licht gerückt und dezidiert erläutert. Hatt verwahrt sich dagegen, das Kind mit dem Bade auszuschütten, sprich, Duft pauschal und rigoros aus unserem Leben zu verbannen. Er räumt mit der Illusion des duftfreien Raums auf, befürwortet hingegen Dufterlebnisse in wohldosierter Form und verantwortungsbewusster Umsetzung. Nicht zu vergessen auch die interessanten Ausblicke, die uns Hatt für die Zukunft gibt. Wir dürfen gespannt sein – denn beim Aufbruch in neue Erlebniswelten liegt die Nase vorn. Hanns Hatt wurde für seine wegweisenden Arbeiten über die Geheimnisse des Riechens 2005 mit dem Forschungspreis der Philip-Morris-Stiftung ausgezeichnet.
Marion Keller-Hanischdörfer, Aromata International