Aromatherapie in Wissenschaft und Praxis

Mit den Herausgebern des Buches hat sich ein kompetentes Team zusammengefunden, dem man unbedingt zutraut, die Aromatherapie wissenschaftlich zu hinterlegen und zu hinterfragen. Dr. Wolfgang Steflitsch, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Aromatherapie, deckt als praktizierender Arzt und Aromatherapeut am Otto-Wagner-Spital in Wien den Anwendungsbereich der Aromatherapie ab; Universitäts-Professor Dr. Gerhard Buchbauer erforschte während seiner aktiven Zeit in der Pharmazie an der Universität Wien die Wirkung von Riech- und Aromastoffen, und der Apotheker Dietmar Wolz führt in Kempten eine Apotheke, die sich u. a. auf die Herstellung von Aromamischungen spezialisiert hat. Qualitätskontrolle und Sicherheit der Produkte sind ihm dabei ein großes Anliegen. Die Herausgeber nutzten ihre Kontakte und Kooperationen mit vielen sach- und fachkundigen Personen und lassen sie mit ihrem speziellen Wissen zu Wort kommen. Insgesamt decken 30 Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis die für dieses Buch ausgewählten fünf Themenbereiche ab.
Im Teil A „Allgemeines zur Aromatherapie“ (55 Seiten), wird der Begriff „Aromatherapie“ von verschiedenen Seiten beleuchtet und in die „Welt der ätherischen Öle“ eingeführt. U. a. wird hier auch die Wissenschaftlichkeit der Aromatherapie diskutiert und es werden wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Riechstoffen im Hinblick auf die Aktivierung beim Menschen vorgestellt.
Teil B „Indikationen“ (385 Seiten) geht ausführlich auf alle Indikationsbereiche ein, in denen die Aromatherapie Anwendung finden kann: Dermatologie, Geriatrie, Schwangerschaft, Geburtshilfe und Säuglinge, Infektiologie und Immunologie, Kardiologie, Gastroenterologie und Stoffwechselerkrankungen, Nephrologie, Intensivmedizin, Palliativmedizin, Onkologie, Atemwegserkrankungen, Psychiatrie und Schmerztherapie. Die einzelnen Kapitel enthalten Informationen zum Indikationsgebiet und zur „konventionellen Therapie“, danach folgen die jeweiligen aromatherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten; abschließend werden die für die Behandlung geeigneten ätherischen Öle aufgelistet und bewährte Rezepturen vorgestellt. Den wissenschaftlichen Publikationen zu den jeweiligen Fachgebieten wird große Beachtung geschenkt, was die intensive Auseinandersetzung der Autoren mit der wissenschaftlichen Literatur dokumentiert. Dabei soll besonders herausgestellt werden, dass in diesen Kapiteln die „wissenschaftliche Erfahrung“ und die „Erkenntnisse aus der Erfahrungsheilkunde“ gut getrennt dargestellt werden.
Teil C (70 Seiten) widmet sich der „Aromatherapie und Aromapflege in der Praxis“. Neben rechtlichen Aspekten und Verantwortlichkeiten in der Aromapflege geht es darin auch um Themen wie die Aromatherapie in Altenpflege und Hospizarbeit, in der Palliativpflege sowie in der Psychiatrie. Weiterhin werden verschiedene Anwendungsformen in der Pflege vorgestellt wie Wickel, Kompressen und Auflagen; außerdem die Hautpflege mit ätherischen Ölen und fetten Pflanzenölen sowie Dosierungsanleitungen.
Teil D „Steckbriefe“ (318 Seiten) ist neben Teil B „Indikationen“ der zweite große Themenbereich des Buches. In Form von Monographien werden die 70 wichtigsten ätherischen Öle der Aromatherapie sowie 12 fette Pflanzenöle vorgestellt. Jede Monographie ist mit einem Foto der Stammpflanze bebildert, es werden Informationen zur Herstellung und zu den Eigenschaften des Öls, den Reinheitsanforderungen, zur Toxikologie und zur stofflichen Zusammensetzung der ätherischen bzw. fetten Öle gegeben. Letzteres basiert auf dem „Chromatographischen Profil“ (Gaschromatographie) und ist in Form einer Tabelle mit der quantitativen Zusammensetzung des ätherischen Öls wiedergegeben. Dabei werden die Profile aus dem Europäischen und dem Deutschen Arzneibuch sowie aus dem Deutschen Arzneimittel-Codex zitiert und, falls keine Arzneibuchmonographie existiert, die Profile aus der Analyse der Bahnhofapotheke in Kempten verwendet; vereinzelt sind auch Literaturwerte oder interne Informationen der Öl-Lieferanten eingearbeitet. Weiterhin enthält jede Monographie umfassende Sicherheitshinweise und -daten nebst Angaben zur Kennzeichnung, zur Toxikologie (akute Toxikologie, Reizwirkung, Sensibilisierungspotential, Phototoxizität) und zum GRAS-Status. Bezüglich der Indikationen für das jeweilige ätherische Öl wird dann auf die entsprechenden Kapitel im Teil B verwiesen. Besonders wertvolle Informationen liefert auch der Abschnitt „Wissenswertes“, in dem auf Besonderheiten des Öls eingegangen wird wie Lagerung, Haltbarkeit, Alterung, Verwechslungsgefahren und vor allem auf Verfälschungen und Verschnitte. In diese „Steckbriefe“ floss die reiche und wertvolle Erfahrung aus der Apotheken-Analysenpraxis ein.
Teil E „Recht“ (25 Seiten) schließlich beschäftigt sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Anwendung ätherischer Öle in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dabei wird die Problematik ätherischer Öle im Spannungsfeld zwischen Lebensmittel – Kosmetikum – Bedarfsgegenstand – Arzneimittel - Nahrungsergänzungsmittel – Medizinprodukt deutlich. Auch das Chemikaliengesetz und das Kosmetikrecht werden beleuchtet.
Einer ausnehmend positiven Beurteilung des Buchs stehen nur wenige Kritikpunkte entgegen, die eher formaler Natur sind: z. B. die Form der Literaturzitierung bei den Steckbriefen, die Bezeichnung „typische“ Inhaltsstoffe oder die Rubrik „chirale Reinheit“. Etwas zu weit vorgewagt ist meiner Meinung nach allerdings der einleitende Satz „Die Aromatherapie ist ein Teilgebiet der Phytotherapie“. Es gibt Überschneidungen - ohne Frage. Wenn jedoch z. B. für Pfefferminzöl in der Aromatherapie ca. 50 Indikationen gelten, dann ist das mit der Vorstellung einer evidenzbasierten Phytotherapie, wie wir sie heute anstreben, nicht zu vereinbaren.
Es geht in diesem Buch aber um Aromatherapie, und diesbezüglich zeugt es von hoher Kompetenz und außerordentlichem Engagement aller Beteiligten, sowohl im Bereich der aromatherapeutischen Praxis als auch in der Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Somit kann die Frage, ob das Buch dem Anspruch des Titels „Aromatherapie in Wissenschaft und Praxis“ gerecht wird, mit einem deutlichen „Ja“ beantwortet werden. Sein Kauf sei allen empfohlen, die mit Aromatherapie und/oder ätherischen Ölen zu tun haben, denn „es dürfte wie kein zweites Lehr- und Handbuch auf dem deutschsprachigen Büchermarkt nahezu sämtliche Aspekte der Aromatherapie, sowohl wissenschaftlich als auch praktisch, abdecken“, wie Professor Dr. Heinz Schilcher in seinem Geleitwort richtig anmerkt.
Prof. Dr. Elisabeth Stahl-Biskup, Universität Hamburg, Inst. für Pharmazie, Abt. Pharmazeutische Biologie und Mikrobiologie